Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
In der Wohnzimmerecke hat Sami Adil einen bunt geschmückten Weihnachtsbaum aufgestellt. Auf dem Tisch steht ein großer Teller mit Keksen für den Besuch bereit. „Dattelgebäck“, erklärt Sami Adil. Der 48-Jährige hat sie selbst gebacken. Alles scheint in bester Ordnung, zumindest auf den ersten Blick: Die Wohnung ist hell, die Wände sind hübsch gestrichen, und vom Balkon aus kann man Sami Adils jüngsten Sohn, den siebenjährigen Basil, im Hof spielen sehen.
Doch wer genauer hinsieht, kann schnell erkennen, dass die Dinge keineswegs in Ordnung sind. Draußen auf dem Balkontisch lagert das Essen in Plastiktüten. „Unser Kühlschrank“, versucht Sami Adil zu scherzen. Der echte Kühlschrank ist vor einiger Zeit kaputtgegangen, von den vier Herdplatten funktioniert nur noch eine, der Griff an einer Küchentür ist abgebrochen. Der Fernseher im Wohnzimmer, ein altes Röhrengerät, funktioniert manchmal schon, meistens aber nicht. Sami Adil rüttelt an der Lehne eines Sofas, sie wackelt und kippt nach außen weg. „Man sieht es nicht“, sagt Adil, „aber es ist so viel kaputt.“
Denn das Geld reicht hinten und vorne nicht aus bei Familie Adil (alle Namen geändert). 2001 flüchtete die Familie aus dem Irak Saddam Husseins. Eigentlich war es der damals vierköpfigen Familie dort gut gegangen, Sami Adil betrieb eine florierende Autowerkstatt. Doch er und seine Familie hatten mehr und mehr unter dem repressiven Regime zu leiden, sie wurden verhaftet, schließlich starben zwei seiner Brüder und sein Vater im Gefängnis. „Geh weg“, hatte seine Mutter zu ihm gesagt. „Das haben wir getan“, sagt Sami Adil.
Die Familie kommt nach Deutschland, ihr wird ein Zimmer zugeteilt in einem Heim für Asylbewerber. Drei Wochen später erleidet Adils Ehefrau Maria einen schweren Schlaganfall. Ihre linke Körperhälfte ist seither komplett gelähmt, die rechte Seite schmerzt und zittert. Sie ist von einem Tag auf den anderen ein Pflegefall: Eine Frau Mitte 30, die nicht mehr gehen oder stehen kann, die dauernd unter schweren Kopfschmerzen leidet, die nicht einmal mehr den Weg zur Toilette allein bewältigt.
Und die Belastung ist immens, wenn in einer funktionierenden Familie wie den Adils ein Elternteil schwer krank wird: Nicht nur, dass der Patient dauernd betreut werden muss und auch die psychischen Belastungen für die Betroffenen hoch sind. Im Falle der Adils fehlt die tatkräftige Mutter natürlich überall. Die Kinder sind noch klein damals, sie verstehen nicht, warum die Mama sich plötzlich nicht mehr umsie kümmert, kein Essen mehr kochen oder sie nicht ins Bett bringen kann.
„Es war eine schwere Zeit“, sagt Sami Adil, und seine heute 18-jährige Tochter Farah nickt. Sie hat die Mutterrolle übernommen. „Vor allem für Basil ist es schwer“, sagt sie und streicht ihrem Bruder über den Kopf. Ein normales Familienleben bei Adils sei einfach nicht möglich. Meist ist die Stimmung gedrückt, der Vater und die Kinder unterhalten sich mit gedeckten Stimmen. Denn nebenan, im Schlafzimmer, liegt die schwer kranke Mutter im Doppelbett. Sie schläft fast den ganzen Tag, doch wenn sie wach ist, „dann bekommt sie alles mit“, sagt Sami. Auch sie selbst leide furchtbar unter der Situation. „Sie weint viel“, sagt Sami Adil.
Nachts liegt ihr Sohn Basil an ihrer Seite, denn er hat kein eigenes Bett. Sami Adil schläft daneben auf einer Matratze, die er am Boden ausrollt. Die Krankheit der Mutter bestimmt den Alltag der Familie: Sami Adil kann nicht arbeiten gehen, weil er seine Frau versorgen und zu den Ärzten, ins Krankenhaus und zur Physiotherapie begleiten muss. Tochter Farah macht eine Ausbildung zur Arzthelferin, und so ist sie mittlerweile den ganzen Tag außer Haus. Sie fehlt bei der Betreuung der Mutter an allen Ecken und Enden. Die 14-jährige Jinan und Basil gehen noch zur Schule.
„Ich würde alles arbeiten“, sagt Sami Adil, doch die zehn Jahre, in denen er sich ausschließlich um seine kranke Frau und die Kinder gekümmert hat, haben mittlerweile auch bei ihm Spuren hinterlassen. Er hat Herzprobleme und sein Blutdruck ist zu hoch, was sich auf seine Sehfähigkeit ausgewirkt hat. Die Familie lebt von Arbeitslosengeld II und Farahs Lohn, doch das Geld, sagt der Vater, sei manchmal schon nach der Hälfte des Monats weg. Er wolle nicht, sagt er, dass seine Kinder durch den Geldmangel allzu sehr stigmatisiert würden. Doch bei vielen zusätzlichen Ausgaben, wie für Zahnarztrechnungen und den nicht unerheblichen Nebenkosten für die Behandlungen seiner Frau, die die Krankenkasse nicht übernehme, ist das schwer. Bei einem Freund hat Sami Adil außerdem Schulden. „Bis 2006 haben wir in einer Wohnung mit schlimmem Schimmelbefall gewohnt. Als wir endlich ausziehen konnten, haben wir deshalb all unsere Möbel zurücklassen müssen“, sagt Adil. Die Familie zog in die jetzige Wohnung. „Wir hatten nichts, und so lieh ich mir Geld für ein paar neue Möbel.“
Auch bei Melanie M. hat eine Krankheit die Situation in der Familie massiv verschärft. Bei der alleinerziehenden Mutter von sieben Kindern zwischen drei und 19 Jahren wurde vor einem Jahr Darmkrebs diagnostiziert. 2010 hatte sie sich von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, getrennt. Um trotzdem für ihre Kinder dazusein, ließ sie sich fast ausschließlich ambulant behandeln. „Nach der Chemotherapie fühlte ich mich tagelang elend, musste mich häufig übergeben und kam kaum aus dem Bett“, erzählt sie.
Doch gerade die Kleineren konnten nicht recht verstehen, wasmit ihrer sonst so fürsorglichen Mutter plötzlich los war. „Ich war nicht mehr so einsatzfähig wie sonst, die Kinder waren emotional häufig auf sich gestellt“, sagt sie. „Die Ältesten mussten viel Verantwortung übernehmen.“ Die 13-Jährige leidet zudem unter Kinderrheuma und braucht eine besondere Betreuung. Melanie M. ließ sämtliche Ehrenämter ruhen: den Elternbeirat, den Förderkreis der Grundschule, die Mittagsbetreuung. „Es ist viel auf der Strecke geblieben“, sagt sie. In den Sommerferien versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen und das Familiengefühl wiederzubeleben. „Wir waren fast jeden Tag am Riemer See“, sagt sie, „dort ist es wunderschön, und das Beste: Es kostet nichts.“
Denn das Geld ist rar. Melanie M. ist gelernte Rechtsanwaltsgehilfin und hat immer gearbeitet, meist in Teilzeit. Doch als Mutter von sieben Kindern hat sie zuletzt einfach keine Anstellung mehr gefunden. Nun geht sie wieder zur Schule: Sie will Heilpraktikerin werden. „Ich muss und will es selbst in die Hand nehmen“, sagt sie. Sie lernt abends und nachts, wenn ihre Kinder schlafen.
Derzeit ist die Familie auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Einige Anschaffungen wären dringend nötig, doch die M.s können sie sich nicht leisten. Melanie M. etwa hat kein Schlafzimmer, sie nächtigt im Wohnzimmer auf einer durchgelegenen Couch und würde sich ein Schlafsofa wünschen, um besser schlafen zu können. „Auch ein Trockner wäre nicht schlecht“, sagt sie, denn in der Wohnung stehen überall Ständer, auf denen die frisch gewaschene Wäsche trocknet.
Sami Adil dagegen hofft auf Unterstützung für neue Küchengeräte, ein neues Sofa und warme Winterkleidung für seine Frau Maria, damit sie, wenn sie im Rollstuhl zum Arzt gebracht wird, nicht frieren muss. „Es macht sie glücklich, wenn wir mit ihr draußen unterwegs sind“, sagt Adil, schiebt seine Brille hoch und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Wir sind einfach froh, dass Maria bei uns ist. Das ist gut.“
(SZ vom 17.12.11)