SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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22.12.2011

SZ – Landkreisausgabe Erding

Die Rückeroberung des Alltags

Einen Ausflug ins Museum planen, die Zugfahrt organisieren und Eintrittskarten kaufen – für die meisten sind es selbstverständliche Kleinigkeiten, für Menschen mit einer psychischen Erkrankung jedoch oft unüberwindbare Hindernisse. Ihnen zurück in ein selbstständiges Leben zu helfen ist die Aufgabe der Therapeutischen Wohngemeinschaft der Sozialpsychiatrischen Dienste in Erding.



Bis zu fünf Betroffene im Alter zwischen 21 und 55 Jahren leben in der betreuten Wohngemeinschaft. Die meisten bleiben zwischen zwei und vier Jahren. „Den Erkrankten fehlt es nicht an kognitiven Fähigkeiten, doch durch die Krankheit können sie ihren Alltag nicht mehr selbst bewältigen“, erklärt Diplom-Sozialpädagoge Alfons Kühnstetter, Fachdienstleiter der Sozialpsychiatrischen Dienste beim Caritas-Zentrum Erding.
Oft leiden die Bewohner schon seit Jahren an schweren psychischen Erkrankungen, die von Depressionen über Angstzuständen, Zwangsvorstellungen und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu schizophrenen Erkrankungen reichen. Viele haben bereits mehrere längere Klinikaufenthalte hinter sich. Bei den meisten Patienten überschneiden sich gleich mehrere Symptome.
„Bei uns werden die Bewohner darauf vorbereitet, wieder in einer eigenen Wohnung zu leben“, sagt Kühnstetter. Schrittweise lernen sie in der Therapeutischen Wohngemeinschaft, ihren Alltag eigenständig zu bewältigen. Dabei helfen neben Therapien vor allem tagesstrukturierende Maßnahmen und lebenspraktische Trainings. „Das fängt im Kleinen wie bei der Kochgruppe an“, erklärt Kühn. „Das Gemeinschaftserlebnis und der Erfolg, dass etwas Selbstgemachtes schmeckt und die Teller leer gegessen werden, sind sehr bestärkende Erlebnisse.“
Bewährt haben sich auch kleinere Ausflüge wie Fahrten ins Museum, nach Wasserburg oder in den Wildpark Poing. „Die meisten schaffen so etwas nicht ohne Unterstützung“, sagt Kühnstetter. „Wir versuchen immer, das kulturelle Angebot mit Bewegung wie einem Spaziergang zu kombinieren, denn durch die psychische Erkrankung leidet oft auch die Mobilität“, so Kühnstetter.
Der jährliche Höhepunkt ist ein zweitägiger Ausflug mit Übernachtung, den die Bewohner selbst mitorganisieren. „Dabei werden sehr viele therapeutisch wichtige Kompetenzen abgefragt“, erklärt Kühnstetter. Neben dem Umgang mit der Gruppe müssen die Erkrankten auf fremde Menschen zugehen, planerisch mit Geld umgehen und sich an feste Zeiten halten. „Die Ausflüge sind für die Bewohner ein Highlight“, so der Diplom- Psychologe. „Davon wird noch Monate später gesprochen.“
Das Freizeitprogramm hat sich bei der Arbeit der Sozialpsychiatrischen Dienste schon viele Jahren bewährt. Oft fehlt es aber an Geld für die Aktivitäten, denn die meisten Bewohner der Therapeutischen Wohngemeinschaft sind nicht erwerbsfähig oder können nur stundenweise Nebentätigkeiten ausüben. Doch gerade deshalb sind für sie Erfolgserlebnisse, die gut tun und stärken, umso wichtiger. Der „Adventskalender für gute Werke“ Süddeutschen Zeitung will diese Arbeit unterstützen.

(SZ vom 22.12.11)