Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Es war mitten in der Nacht. Maria Koch ist aufgewacht, weil ihr Mann geschnarcht hat. Soll er doch rübergehen ins Wohnzimmer, hat sie sich gedacht, wie man eben so denkt, wenn man aus dem Schlaf gerissen wird.
Aber dann hat sie genauer hingehört, und es klang nicht mehr, als ob ihr Mann schnarchen würde. Jetzt war Maria Koch hellwach.
Sie haben sich in der Arbeit kennengelernt, 20 Jahre ist das jetzt her, bei Siemens waren sie beide, sie als Feinmontiererin, er als Feinmechaniker. 1999 haben sie geheiratet, an der Wand hinterm Esstisch hängt ein Foto von damals: Die Eltern stehen um das Brautpaar herum, Martin, der älteste Sohn von Hans und Maria Koch, ist auch auf dem Bild, er war damals drei. Die Momentaufnahme aus dem Leben einer ganz normalen Familie. Gewiss, Hans Koch hatte immer mit Rheuma zu kämpfen, oft kam er kaum aus dem Bett, aber die Ärzte haben ihn immer irgendwie fit gespritzt. Sie kontrollierten regelmäßig seine Blutwerte, er bekam Massagen verschrieben gegen das Rheuma, irgendwie hatte er sich arrangiert. Die Familie wuchs, Benedikt kam 1999 zur Welt, Florian 2002.
Und dann diese Nacht im Mai 2005, vier Uhr morgens ist es. Hans Koch schnarcht nicht, es ist ein Röcheln. Seine Frau springt auf, holt einen nassen Waschlappen, aber ihr Mann wacht nicht auf. Sie wählt die 112, kämpft mit Panik, beginnt mit Mund-zu-Mund-Beatmung, mit Herzmassage. Notarzt, Reanimation, Intensivstation, Koma. Nach elf Tagen kommt Hans Koch zurück ins Leben, aber dieses Leben ist ein anderes.
Ihr Mann hat einen Herzstillstand erlitten, erzählt Maria Koch. War es eine Reaktion auf die Rheuma-Spritze? War es etwas anderes? Schicksal? Sicher ist nur, dass ihr Mann, damals 47 Jahre alt, elf Tage lang im Koma liegt, dass sie ihm einen Luftröhrenschnitt setzen müssen, dass seine Frau, als sie an seinem Bett steht, unablässig mit ihm redet, eine vertraute Stimme soll ihm den Weg zurück weisen. Es wird Sommer, die erste Therapie schlägt an, sie schöpfen Hoffnung, dann die Reha, neun Wochen lang. Aber als er heimkommt, geht es ihm nicht besser, im Gegenteil. „Nicht mehr therapiefähig“, sagen die Ärzte. Hans Koch kann nicht mehr sprechen, kaum mehr gehen, er ist inkontinent. Was er versteht von dem, was seine Frau, was Martin, Benedikt und Florian zu ihm sagen, niemand weiß es. „Ich habe gelernt, von seinen Augen zu lesen“, sagt Maria Koch.
Die ersten zwei Jahre ist der Vater ganz zu Hause, seine Frau versorgt ihn rund um die Uhr. „Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinlangen soll“, sagt Maria Koch, 42, unter dem Hochzeitsfoto am Küchentisch sitzend. Ein schwerstbehinderter Mann und drei kleine Kinder. Seit zwei Jahren besucht ihr Mann eine Behindertenwerkstatt der Pfennigparade, aber wenn er zu Hause ist, abends und an den Wochenenden, gilt weiterhin: „Ich darf ihn nicht allein lassen.“ Manchmal ist Frau Kochs Oma da, um aufzupassen, aber die alte Frau ist fast blind. Manchmal sind auch Frau Kochs Eltern da, aber die Mutter sitzt selbst im Rollstuhl, sie ist querschnittsgelähmt. Oft bittet Maria Koch dann Martin, auf den Papa aufzupassen. Mach’ ich, sagt er dann. Jedes Verschlucken des Vaters kann lebensgefährlich sein. Martin hat gelernt, diese Verantwortung zu tragen. Er ist zwölf.
Es sind die Kinder, die am meisten leiden, wenn eine Familie in Not gerät, erklärt Irmgard Ernst vom Münchner Arbeitslosenzentrum Malz. Sei es, weil Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester krank sind, sei es, weil die Eltern statt Gehalt Hartz IV kriegen. 21 000 Kinder leben allein in München unter diesen Bedingungen, Tendenz leicht steigend. Es sind die Kinder, die die Not unmittelbar erleben, weil sie nicht mithalten können im Freundeskreis und in der Klasse, weil neue Turnschuhe nicht selbstverständlich sind, wenn die alten zu klein sind, und jeder Schulausflug einen finanziellen Kraftakt bedeutet für die Eltern. Und die wiederum leiden ebenfalls darunter, weil sie ihren Kindern kein unbeschwertes Aufwachsen ermöglichen können. Das Selbstwertgefühl der Familie schwindet, wenn der Vater den ganzen Tag zu Hause ist. Oder auch, wenn er arbeitet, aber der Lohn nicht einmal für ein bescheidenes Leben reicht.
So ist es bei Mohamed Ezher, Vater von drei Kindern, sie sind zwei, vier und sechs Jahre alt. Kasmi, der Älteste, ist im September in die Schule gekommen, es war ein trauriger Tag für den Vater. Denn er konnte seinem Jungen keine schöne, neue Schultasche kaufen, wie sie die anderen Kinder alle haben. Irgendwo hat er eine alte, gebrauchte aufgetrieben. Mohamed Ezher, 46, stammt aus Pakistan, ist gelernter Journalist und musste aus politischen Gründen fliehen. Vor 15 Jahren war das. Er hat seither fast immer gearbeitet – aber nie viel verdient. Derzeit lebt die fünfköpfige Familie – die Mutter ist vor ein paar Jahren nachgekommen – von knapp 1400 Euro netto. Früher haben sie vom Urlaubsgeld im Sommer die Nachzahlung für den Strom beglichen und vom Weihnachtsgeld die Heizung bezahlt. Jetzt aber gibt es kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld mehr, der Firma, bei der Ezher Schicht arbeitet, geht es schlecht, der Vater bangt um seine Stelle. Im Kinderzimmer stehen ein Bett und ein Schrank, sonst nichts. „Ich schaffe es nicht mit diesem Lohn“, sagt der Vater.
Maria Koch arbeitet seit gut einem Jahr in einer Schule, kocht für die Kinder in einer Mittagsbetreuung, 400 Euro verdient sie so und stockt die Rente ihres Mannes und das Pflegegeld auf. Aber ihre Kraft geht zur Neige: „Meine Akkus sind leer.“ Nie war es für sie eine Frage, für Mann und Kinder da zu sein, Freizeit gibt es seit Jahren nicht mehr für sie. „Ich hab’s gern gemacht, und ich mach’ es weiterhin, ich würde ihn nie im Stich lassen.“ Sie schaut auf ihren Mann, der mit am Tisch sitzt. Seine Arme und Hände gehorchen ihm nicht, sie sind steif, seine Bewegungen ruckartig. Er nickt, er bewegt den Kopf nach links, nach rechts. Will er danke sagen für all die Hilfe?
Viereinhalb Jahre sind vergangen seit jener verhängnisvollen Nacht, nun erlebt die Familie erneut einen tiefen Einschnitt. Hans Koch ist ins betreute Wohnen gezogen. Seine Frau hatte lange ein schlechtes Gewissen deshalb, „ich will euch den Papa nicht wegnehmen“, hat sie den Kindern immer wieder gesagt. „Ihr könnt ihn jederzeit besuchen, und am Wochenende ist er immer daheim.“ Martin sagt, dass er den Papa vermissen werde, klar, aber der Umzug hat auch was Gutes: „Die Mama muss dann nicht mehr ganz so viel machen.“
Martin ist sehr musikalisch, früher hat er im Tölzer Knabenchor gesungen, jetzt wünscht er sich ein Kornett, eine Art Trompete, er würde so gern Teil der Big Band seiner Realschule sein. Und Volleyball spielen, im Verein, „aber das Geld reicht halt nicht“. Benedikt spielt für sein Leben gern Fußball, er trainiert bei den „Sportfreunden“ in der Säbener Straße, neben den Bayern. Die Bayern! Der Bub strahlt. Das wär’s! An einen MP3-Player denkt er auch hin und wieder, welches Kind tut das nicht, „aber der ist zu teuer“.
Auch Ausflüge sind rar. Im vergangenen Sommer, sie hatten den Vater in eine Kurzzeitpflege gebracht, war die Familie ein paar Mal unterwegs, Tagestouren. Auf dem Heimweg von den Großeltern ging das Auto kaputt, Motorschaden, ohne Auto aber geht es nicht für die Kochs, also stottert Maria Koch jetzt die Raten ab. Einmal waren sie dann noch in einer Dino-Ausstellung in Rosenheim, das war toll, aber noch toller war der Besuch im Bad in Ottobrunn. Nachtschwimmen. „Das waren die schönsten Augenblicke“, erzählt die Mutter. „Die Kinder reden heute noch davon.“
Zwei Kinderzimmer hat die Familie, aber genau genommen ist es nur ein Raum für die drei Jungs. Sie haben, damit der zwölfjährige Martin etwas Eigenes hat, eine Trennwand in das Zimmer gezogen mit einem Glaselement oben, damit noch ein bisschen Sonne zu Benedikt und Florian durchkommt. Die beiden Jüngeren sind unzertrennlich. Sie streiten viel, aber sie lieben sich auch, Brüder eben. Martin macht der Mutter manchmal Sorgen. Nicht weil er in der Schule schlecht wäre oder Unsinn machen würde. Sondern weil er so in sich gekehrt ist, kaum rauslässt, was ihn bewegt. Ihn hat der Verlust des Vaters besonders getroffen, denn er hat ihn am längsten gesund erlebt. Martin war oft mit dem Papa im nahen Wald, „das war toll“. Wenn die Mutter ihren Ältesten fragt, „wie geht’s dir, Martin?“, dann sagt er oft: „Gut, passt schon.“ Wenn dann aber Tränen in seine Augen steigen, dann weiß die Mutter, wie es ihrem Sohn wirklich geht. (Namen der Familien geändert)
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Weihnachtswünsche von armen Kindern und ihren Familien
Es sind vor allem die Kinder, die unter der Armut in der Familie leiden. Für sie ist es nicht selbstverständlich, an einer Klassenfahrt teilzunehmen oder den Zoo zu besuchen. Ihre Eltern haben oft kaum das Geld, ihnen neue Schuhe zu kaufen, von Spielsachen ganz zu schweigen. Mitunter haben Kinder nicht einmal ein Bett oder einen Schrank.
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(SZ vom 19.12.09)