Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Wütend stampft Anna mit dem Fuß auf den Boden. Mit funkelnden Augen und bebenden Nasenflügeln schimpft das zierliche Mädchen auf die Leinwand ein. „Ich will es dunkel!“, ruft die 12-Jährige wütend. „Es soll dunkel werden!“ Anna malt an einem Ozean, in dem ein Mond versinkt. Doch der Himmelskörper ist strahlend weiß, seine Helligkeit explodiert förmlich aus dem tiefblauen Meereshintergrund heraus.
Kunsttherapeutin Gaby Müller stellt sich neben Anna und macht ihr mit ruhiger, leiser Stimme Mut, indem sie einfach lobt, was sie sieht. Übersetzt heißt das wohl: Anna soll sich den Farben stellen, die aus ihr herausplatzen wie der explodierende Mond. Letztlich bleibt er weiß, nur seine Kontur ist nicht mehr scharf und schroff, sondern zart hingehaucht im Meer zerfließend.
„Ach“, sagt Gaby Müller, die gemeinsam mit Jutta Seyfried an einem Samstag im November in dem hellen Raum im Keller des Schwesternwohnheims der Kreisklinik steht, „Kunsttherapie ist schwer zu fassen.“ Und sie fügt mit ihrem typisch sanften Lächeln hinzu, dass der Begriff Therapie für diesen Nachmittag wohl auch nicht der richtige sei. Für die 14 Kinder und Jugendlichen, die zum Workshop von Gaby Müller und Jutta Seyfried gekommen sind, bedeute das Malen eher eine Auszeit von Zuhause, wo eine heimtückische Krankheit den Alltag beherrscht. Die Mütter der Kinder leiden an Krebs. Manchmal kommen die Kinder auch dann noch zum Malen, wenn es zu Hause bedrückend still geworden ist. Wie bei Anna. Ihre Mutter hat im Oktober den Kampf gegen die Krankheit verloren. Annas Verzweiflung, ihre Enttäuschung und Wut – all das kann die 12-Jährige nicht in Worte fassen, aber in Farben.
Dabei entwickelt Anna genauso wie die anderen Teilnehmer des Workshops eine Dynamik, die nach wenigen Stunden die ganze Gruppe ergreift. Wird anfangs noch still alleine gemalt, sitzen die älteren Mädchen und Buben am Nachmittag dicht gedrängt auf einer Couch. Obwohl sich manche von ihnen wenige Stunden zuvor noch gar nicht kannten, fühlen sie sich durch ihr Schicksal seltsam vertraut. Viele Finger wischen gemeinsam schwarze Kreide über eine Leinwand. Zarte Berührungen nur, die aber so etwas wie Trost vermitteln. Ein Engel entsteht. Mit zarten Flügelchen, die zu weiten Schwingen wachsen. „Diese Solidarität, die die Kinder hier verspüren, entsteht in freien Malgruppen nicht“, sagt Gaby Müller lächelnd.
Die sechsjährige Nina hat unterdessen ihre Staffelei mitten in den Raum gestellt. Sie ist das erste Mal beim Workshop dabei, der unter dem Motto „Ich schenke dir einen Traum“ steht. Und weil Träume sich immer wieder verändern, werden Bilder aus früheren Workshops mit weißer Farbe übermalt. Ganz nebenbei können die Leinwände so mehrfach benutzt werden, denn Material und Kunsttherapeutinnen müssen aus Spenden finanziert werden, die Cornelia Höß, Chefärztin der Gynäkologie und des Brustzentrums an der Ebersberger Kreisklinik, als Initiatorin der Kunsttherapie unermüdlich sammelt.
Die kleine Nina ist inzwischen bei ihrem fünften Bild angelangt. Anfangs schwang sie mit dem Pinsel einfach nur über das Weiß, trug Farbschicht um Farbschicht auf. Rot, Grün, Blau – am Ende ist die Leinwand dick zugekleistert, als dürfte nichts, was darunter liegt, zum Vorschein kommen. Ganz anders Ninas letztes Bild. Es zeigt ein großes, rotes Herz in einem Fenster mit Vorhang. Dass dieser nicht fällt, könnte der Traum sein, der sich dahinter verbirgt.
(SZ vom 23.12.11)