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29.12.2011

SZ vom 29.11.12

Flucht vor Tod und Leid

Es gibt Tage, an denen Jesus Miguel die Fahrt mit der U-Bahn kaum bewältigen kann. Es ist keine lange Strecke zwischen seiner Wohnung und der Firma, in der er einen Job gefunden hat. Aber auch wenige Stationen können endlos erscheinen, wenn man nicht in Ruhe gelassen wird. Angesprochen wird der 21-Jährige nicht, im Gegenteil, die meisten Menschen vermeiden es, mit ihm Kontakt aufzunehmen.



Es sind die Blicke, die ihn bedrücken. Mit unverhohlener Neugier, sogar Abscheu starren ihn manchmal Leute an. Dabei sieht Jesus’ Gesicht heute besser aus als vor sechs Jahren, als er aus Angola nach Deutschland kam.
Jesus Miguel (Name geändert) war 16, als er in München „einreiste“, so heißt das in der Behördensprache. Das Wort suggeriert eine harmlose Ordentlichkeit, und nichts könnte für die Irrfahrten junger Flüchtlinge weniger passend sein. Auch Jesus hatte einen gefährlichen Weg hinter sich, als er das Land erreichte, in dem sich alles zum Guten wenden würde. Zuhause in Angola, das auch nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs nicht zur Ruhe kommt, hatte eine Gasexplosion die Eltern des Jungen getötet und ihn selbst schwer entstellt. Er überlebte trotz massiver Verbrennungen, und als er nach langen Klinikaufenthalten als Waise auf der Straße landete in der Hauptstadt Luanda, ein chancenloses Kind in den Slums, riet ihm jemand, er müsse sich aufmachen nach Deutschland.
Wie ihm das gelang, will der 21-Jährige nicht erzählen, und es ist der einzige Moment, in dem der junge Mann niedergeschlagen wirkt. In München fand Jesus Hilfe und Unterstützer, die ihm plastische Operationen ermöglichten. Sie waren langwierig und schmerzhaft, aber machten aus seinem entstellten Gesicht wieder ein menschliches Antlitz. Seither, sagt er, wisse er, dass es Gott gibt – ein pathetischer Satz, Jesus tippt beim Treffen energisch auf den Notizblock und besteht darauf, dass er notiert wird.
Bis Ende 2010 war Jesus Miguel, der sich in fließendem Deutsch am liebsten über Fußball und Musik unterhält, in einer Einrichtung der Jugendhilfe untergebracht. Seit einem guten Jahr lebt er in einer eigenen kleinen Wohnung, für die noch Einrichtungsgegenstände fehlen. Ihm bleibt jeden Monat wenig Geld zum Leben, und sein Job als Lagerist ist befristet. Die Ausbildung zum Schreiner, die er 2012 beginnen wollte, hat sich im letzten Moment wegen seiner Behinderung zerschlagen. Jetzt hofft er auf eine andere Lehrstelle. „Ich möchte etwas tun, etwas lernen, damit ich selbständig leben kann“, sagt er. Elektriker zu werden, das würde ihm gefallen. Und er träumt davon, den Führerschein zu machen. Das würde ihm das Gefühl geben, frei zu sein, sagt Jesus. „Und ich müsste nicht U-Bahn fahren, wenn ich es gerade nicht möchte.“

(SZ vom 29.12.11)