SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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22.08.2009

SZ-Aktion "Sport für alle Kinder"

Mitspielen statt ausgrenzen

Zum Probetraining kommen die Kinder gern, einmal, zweimal, dreimal, kostenlos. Doch dann tauchen sie nicht mehr auf. Spätestens wenn sie den Antrag auf die Mitgliedschaft im Sportverein abgeben müssten, um weiter trainieren zu können, bleiben immer einige Kinder und Jugendliche weg.



Denn die Mitgliedschaft kann bis zu 120 Euro im Jahr kosten, ohne dass es sich dabei um eine besonders ausgefallene Sportart handeln muss. Bei Familien, die nur über ein sehr knapp bemessenes Einkommen verfügen,
zählt dieser Betrag zu jenen Ausgaben, die sich noch am leichtesten einsparen
lassen. Die Kinder murren nicht, denn sie kennen zumeist die finanziell angespannte Lage ihrer Familie.
127 000 Kinder und Jugendliche treiben Sport in mehr als 200 Münchner Vereinen. Angesichts dieser großen Zahl liegt die Versuchung nahe, es für unerheblich zu halten, ob ein paar Kinder dem Vereinssport „verlorengehen“.
Doch den Sportvereinen ist das keineswegs egal, wie der Vorsitzende der
Münchner Sportjugend, Florian Sachs, betont. „Wir wollen nicht, dass Kinder
keinem Sportverein beitreten können oder aber die Mitgliedschaft beenden
müssen, weil in ihren Familien das Geld ganz besonders knapp ist.“
Für Eltern, die von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe leben müssen, ist der Vereinsbeitrag ein dicker Ausgabenposten, zumal wenn er, wie oft üblich, von den Vereinen halbjährlich oder jährlich eingezogen wird, um Verwaltungskosten zu sparen. Angesichts der prekären Finanzsituation
in der Familie reißt eine Summe von 80 oder 100 Euro ein großes Loch
in die Haushaltskasse. Gerade aber die Vereine, die Breitensport anbieten, sind nicht so gut finanziell gepolstert, dass sie über Einzelfälle hinaus tatsächlich auf die Beitragseinnahmen verzichten können.

Fußball und Turnen

Die Münchner Sportjugend richtete deshalb 2001 einen kleinen Fördertopf
mit 2500 Euro ein, aus dem Beitragsnachlässe für Kinder aus bedürftigen Familienauf Antrag finanziert wurden. Anfangs gewährten die Vereine fünf Euro
Nachlass pro Monat, die sie sich von der Sportjugend zurückholen konnten, zuletzt waren es zehn Euro. Als Nachweis der Bedürftigkeit diente der München-
Pass – ein Nachteil, wie Sachs einräumt, denn der wird Bedürftigen nicht automatisch erteilt. Doch mit den begrenzten Mitteln hätte die Sportjugend das Angebot ohnehin nicht breiter bekannt machen können.
Umso mehr freut sich Sachs darüber, dass die Stadt zusammen mit dem SZ-Adventskalender nun das Förderprogramm „Sport für alle Kinder“ gestartet hat: „Damit steht die Unterstützung von bedürftigen Kindern auf viel breiteren Füßen“, sagt Sachs. Waren es bislang zwischen 50 und 100 Kinder, so könnten es, sofern sich Spender oder auch Sponsoren finden, sicherlich bald um die 1000 Kinder sein, denen sich so der Weg in die Sportvereine eröffnen lässt.
Hauptsportart sei natürlich Fußball, sagt Sachs, der selbst aus dem Judo
kommt, gefolgt von Turnen, das mit Trends wie Slackline und Artistik attraktiv
bleibt. Unabhängig von der Sportart aber erlebten Kinder und Jugendliche
„entscheidende Entwicklungserfahrungen im Verein“, eben wenn sie sich mit
Gleichaltrigen zusammen ausprobieren und messen können. Regelmäßiges Training kann auch motorischen Bewegungsdefiziten, wie sie heute bei vielen Schulkindern festzustellen sind, vorbeugen.
Für die Entwicklung der Kinder könne das entscheidende Erfahrungen bringen,
sagt Sachs. Sie lernen, dass Erfolg regelmäßiges Training voraussetzt, entwickeln Teamgeist und Zusammenhalt in der Mannschaft. Während Freundschaften meist nur innerhalb derselben Schulart bestehen, fallen solche Grenzen im Sport weg: „Gerade sozial benachteiligten Kindern tut es gut, durch den Sport andere Kontakte zu bekommen.“
Einer der Vereine, die den bescheidenen Fördertopf der Sportjugend schon
gut genutzt haben, ist der vor 40 Jahren gegründete SV Neuperlach, der heute
mehr als 4000 Mitglieder hat und über eine moderne Sportanlage verfügt. 170
Trainer und Übungsleiter beschäftigt der SV Neuperlach, ehrenamtlich oder
auf 400-Euro-Basis. Täglich kann hier trainiert werden, während der Woche
von 8 bis 23 Uhr, am Wochenende bis 22 Uhr. Der Verein bemüht sich darum, sein Sportangebot allen Menschen zu erschließen. Von 8 bis 12 Uhr können Mütter sogar ihre Kinder betreuen lassen, während sie an Gesundheitsprogrammen wie „Morning Step“ teilnehmen oder im Fitnessstudio ihre Kondition trainieren.
Schon 1985 habe der zweitgrößte Breitensportverein in München beschlossen,
Bedürftigen beitragsfreien Zugang zu ermöglichen, sagt der Vorsitzende Norbert Kreitl. Damit hat der Verein eine Vorreiterrolle übernommen. „In einem Viertel wie Neuperlach, wo nicht alle Menschen mit Reichtümern gesegnet sind, braucht man eine soziale Komponente.“ 50 der rund 1800 Kinder und Jugendlichen im Verein haben derzeit eine kostenlose Mitgliedschaft. „Sie sind voll integriert, das ist wichtig für ihre Zukunftschancen“, betont Kreitl und wünscht sich deshalb Spendenunterstützung für noch mehr Kinder, um das Motto der Aktion von SZ und Stadt „Sport für alle Kinder“ in die Tat umzusetzen.
Die Federführung dafür hat das Schulreferat übernommen. Alle Kinder und Jugendliche, deren Eltern öffentliche Unterstützungsleistungen erhalten, können kostenlos Mitglied eines Sportvereins werden, informiert das Schulreferat in einem eigens dazu verteilten Flyer. Die Kinder müssen bei dem Verein ihrer Wahl dazu entweder eine Kopie des München-Passes oder des Bescheides über Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Asylbewerberleistungen
oder Wohngeld vorlegen und können dann sofort Mitglied werden. Der Sportverein prüft den Anspruch, nimmt die Kinder sofort auf und stellt beim Schulreferat den Förderantrag. Gefördert wird die tatsächliche Höhe des Mitgliedbeitrags bis zu einer Grenze von zehn Euro pro Monat. „In vielen
Sportarten kommt man damit ganz gut hin“, sagt Sachs. Ohnehin kalkulierten
die Vereine ihre Beiträge sehr niedrig, „um auch die finanziell Schwächeren
mitnehmen zu können“. Auf Sponsoren können die Vereine kaum setzen: „Für
kleine Vereine war das schon immer schwierig. Die Firmen sind voll auf den
Spitzensport fixiert.“
Der SZ-Adventskalender aber versucht nicht nur Kinder in Sportvereine zu bringen, sondern auch jene Jugendlichen zu erreichen, die dem Vereinssport
zunächst gar nicht mehr zugänglich wären. Vor mehr als drei Jahren hat der gemeinnützige Jugendhilfeträger „Neue Wege“ begonnen, ein Fußballprojekt aufzubauen, das der SZ-Adventskalender unterstützt.
„Die Jugendlichen stammen aus den schwierigsten Familienverhältnissen“,
sagt Andréa Dessoy von Neue Wege. „Es fehlen ihnen nicht nur Bindung und soziale Orientierung, sondern in vielen Fällen haben die Jugendlichen gravierende schulische und berufliche Probleme.“ Das Projekt mit  Wöchentlichem Training, das Fachkräfte betreuen, mit Freundschaftsspielen und Turnieren als Höhepunkt schaffe ein „Spielfeld“, auf dem die Jungen gefördert und gefordert würden. So lernen sie, Regeln auch im Alltag zu akzeptieren, Teamgeist zu entwickeln und Selbstdisziplin zu üben.
Sport, so zeigt das „Dream Team“ – wie sich die jungen Fußballer selbst benannt haben –, erleichtert die Integration.

(SZ vom 22.08.2009)